Akademie der analogen Künste

Akademie der analogen Künste: Die Idee

Idee und Namensgebung

Die Akademie der analogen Künste versteht sich als Austausch- und Begegnungsplattform für Menschen verschiedenster Berufe, Herkünfte und Altersgruppen, die den Wandel ihrer Berufs- und Alltagswelten gemeinsam durchdenken und gestalten möchten. Sie will einen Rahmen bieten, in dem wertvolle analoge Fertigkeiten und Wissensressourcen aufgespürt und für die digitale Ära fruchtbar gemacht werden können. Sie will Momente und Orte des reflektierenden Innehaltens schaffen, die einer Horizonterweiterung dienen – und mitunter auch der bewusst gewählten und temporären „Horizontverengung“ in einer Zeit allgegenwärtiger Verfügbarkeit von Wissen und Information.

Suchmaschine 02

Suchmaschine 02 (Foto: Luise Butzer).

Die Bezeichnung „Akademie“ ist nicht berufsständisch oder elitär gemeint und auch der Begriff der „Künste“ darf und soll sehr offen verstanden werden. Er bezieht sich, neben den herkömmlichen Kunstdisziplinen, auch auf die Kunstfertigkeiten in verschiedenen Berufen und Lebensbereichen.
Entscheidend ist der Begriff des „Analogen“, der zu einer landläufigen Sammelbezeichnung für alles „Nicht-digitale“ geworden ist. Seine Unschärfe ist kein Zufall. Sie spiegelt das Bedürfnis wider, einer offenkundig zu Ende gehenden Ära – der „prädigitalen Epoche“ – einen Namen zu geben.
Mit dem geplanten Werkstattwochende wollen wir einen vielfältig nutzbaren Rahmen für eine erste, ergebnisoffene Begegnung bereitstellen. Auf längere Vorträge und Präsentationen werden wir bewusst verzichten. Stattdessen sind Moderationskonzept und Methodik (s.u., Tagungsverlauf) darauf angelegt, die Kompetenzen, Anliegen und Interessen der Teilnehmenden miteinander in Dialog zu bringen.

Emoji

Emoji (Foto: David Döricht).

Die Akademie der analogen Künste ist derzeit noch ein reines Gedankenexperiment. Wie tragfähig dieser Gedanke ist, ob andere ihm etwas abgewinnen können, ob er eines Tages zu konkreten Veranstaltungen oder einer institutionalisierten Form führen wird, lässt sich momentan noch nicht abschätzen. Wir möchten deshalb bereits diese grundlegende Frage nach dem Sinn und Nutzen eines solchen Vorhabens zur Diskussion stellen.
Entsprechend vorläufig und „flüssig“ sind die nachfolgend skizzierten Ziele und Leitlinien zu verstehen. Sie sollen als Einladung und Anstoß zum eigenen, assoziativen Weiterdenken und zum gemeinsamen, interdisziplinären Austausch verstanden werden. Das heißt: Sie können, müssen aber nicht Ausgangspunkt der Auseinandersetzung sein.

Exemplarische Ziele, Ausgangsthesen und Leitlinien

Den digitalen Wandel als Chance für den interdisziplinären Austausch nutzen.

Digitalisierung verändert in rasantem Tempo unser Leben und Handeln, prägt unsere Weltwahrnehmung und unser Denken. Dieser tiefgreifende Umbruch lässt kein Berufsfeld und kaum einen Lebensbereich unverändert. Ob Musiker oder Medizinerin, Landwirt oder Lehrerin, Geisteswissenschaftler oder Handwerkerin… alle sind von ihm betroffen. Sie müssen sich zeitgleich mit ähnlichen Veränderungen, Fortschrittsversprechen, Verlustängsten und Wertediskussionen auseinandersetzen.

Dieses verbindende Erlebnis eines einschneidenden „Vorher und Nachher“ beinhaltet eine besondere Chance zum interdisziplinären Dialog.
Eine Akademie der analogen Künste könnte ein Ort sein, um diese Ähnlichkeiten aufzuspüren und sich fächerübergreifend mit den Folgen des digitalen Umbruchs auseinanderzusetzen.
Sie sollte interdisziplinär sein, weil die Fragen, die durch den digitalen Wandel aufgeworfen werden, nahezu alle Berufe betreffen und über die Fächergrenzen hinaus Denkstrukturen, Kommunikations- und Produktionsprozesse prägen.

RE:

RE: (Foto: Luise Butzer).

2) Die Qualitäten von analogem und digitalem Denken und Handeln unvoreingenommen prüfen, anstatt sie gegeneinander auszuspielen.

Digitalisierung kennt „Gewinner“ und „Verlierer“. Dies kann zu voreiligen und einseitigen Bewertungen führen.
Die Vorteile des Digitalen liegen auf der Hand. Jeder und jede kann Schriftsetzer*in, Layouter*in, Filmemacher*in sein. Gleichgesinnte können sich schnell finden und organisieren, niemand muss mit dem eigenen Anliegen, der eigenen Meinung, Orientierung oder Eigenart alleine bleiben. Aber auch das analoge Handeln und Denken im „Hier und Jetzt“ besitzt seine ganz eigenen Qualitäten. Phantasie braucht Unverfügbarkeit. Zwischenmenschliche „Chemie“ benötigt den direkten Kontakt, die direkte Zuwendung. Lernprozesse gewinnen an Tiefe und Intensität, wenn sie den ganzen Körper und alle Sinne mobilisieren.
Eine Akademie der analogen Künste kann ein Ort sein, an dem „analoge“ und „digitale“ Qualitäten vorurteilsfrei geprüft, benannt, gewertschätzt und erlebbar gemacht werden.
Sie sollte intergenerationell sein, weil sowohl die Erfahrungshorizonte einer jüngeren Generation von Digital Natives als auch die Erfahrungen einer älteren Generation, die in der „analogen Ära“ aufgewachsen und von ihr geprägt ist, unerlässliche Ressourcen für die angestrebte Auseinandersetzung darstellen.

3) Analoges Wissen dort, wo es gebraucht wird, bewahren, aktualisieren und vermitteln.

Digitalisierung macht Wissen grenzenlos teilbar, verfügbar und abrufbar. Aber sie vernichtet auch Wissen. Fast jeder Beruf kennt handwerkliche Fertigkeiten, analoge Kulturtechniken und Wissensressourcen, die durch digitale Rationalisierungsprozesse scheinbar wertlos (weil: ineffizient, zu langsam, zu teuer, zu unpräzise) werden.
Nicht jede digitale Transformation eines jahrzehnte- oder jahrhundertelang gepflegten und weiterentwickelten analogen Handwerks muss zwangsläufig eine qualitative Verbesserung darstellen. Nicht jede Kulturtechnik, die ersetzbar ist, muss deshalb auch wertlos sein.
Eine Akademie der analogen Künste kann ein Ort sein, an dem wertvolles analoges Wissen vergegenwärtigt, geteilt, aktualisiert und vermittelt wird.
Sie sollte in ihrer Themenwahl gegenwarts- und zukunftsorientiert arbeiten, weil Alternativen oder Ergänzungen zur Digitalisierung ohne Relevanz und Resonanz bleiben werden, wenn sie allein auf der restaurativen Verklärung einer analogen Vergangenheit beruhen oder sich auf realitätsferne Gegenwelten beziehen.

4) Auseinandersetzung befördern, Widerstände wertschätzen.

Digitale Hilfsmittel sind in der Regel auf minimalen Widerstand ausgelegt. Sie bewerten, hinterfragen, diskutieren oder ergänzen nicht, sondern führen auf schnellstem Weg zum gesuchten Ziel.
Die eigene Meinung und das eigene Weltbild erfahren dadurch schnelle und leichte Bestätigung. Die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden und die direkte Tuchfühlung mit dem Fremden und Unbequemen wird in wachsendem Maße vermeidbar.

Tweet

Tweet (Foto: AG Neue Musik Grünstadt).

Debatte braucht Uneinigkeit, Dialog benötigt Vielfalt. Auch Diskussionen über den digitalen Wandel würden zu kurz greifen, wenn sie sich auf einen vorgegebenen und einheitlichen Wertekanon bezögen.
Eine Akademie der analogen Künste sollte deshalb ein Ort sein, an dem sich Menschen im Nahbereich der unmittelbaren Begegnung ihre Unterschiedlichkeit zumuten.
Sie sollte interkulturell, inklusiv und offen für unterschiedliche Herkünfte, Wertesysteme, Lebensentwürfe und Bildungshorizonte sein, weil auch Digitalisierung nicht vor kulturellen und sozialen Grenzen halt macht.

5) Die Zukunft des Analogen vorausdenken und gestalten.

Technische Neuerungen bedürfen der kritischen Auseinandersetzung – erst recht, wenn sie große Teile der Gesellschaft radikal verändern. Doch die dafür erforderliche Freiheit des Denkens ist beim Thema „Digitalisierung“ zwangsläufig eingeschränkt.
Gerade jene Institutionen, die in vielen anderen Themenfeldern die Rolle eines kritischen Korrektivs spielen – Medien, Universitäten, NGOs – sehen im digitalen Umbau häufig den einzigen Weg, ihre eigene Zukunftsfähigkeit zu bewahren. Oft müssen sie selbst enorme Anstrengungen und Gelder verwenden, um ihre eigenen Kommunikationsstrukturen und Wissensbestände zu digitalisieren und fallen deshalb bei diesem Thema als glaubwürdige Gegenöffentlichkeit aus.

Breaking news

Breaking News (Foto: Luise Butzer).

Anders als bei anderen Themen wird kritische Reflektion dadurch zur Privatsache und kann sich innerhalb einer „digitalen Monokultur des Innovativen“ schwer Gehör verschaffen.
Eine Akademie der analogen Künste könnte ein Thinktank und Experimentallabor für die Zukunft und für das Innovationspotential des Analogen sein. Sie könnte einen Beitrag dazu leisten, möglichst vielfältige Formen der Innovation, der Kreativität und des Wissenstransfers lebendig zu halten.
Sie sollte unabhängig sein, um Freiräume des Denkens und eine Ergebnisoffenheit der Auseinandersetzung zu ermöglichen und sich gegen ideologische, politische oder wirtschaftliche Funktionalisierungsversuche zu immunisieren.

6) Analoge Erfahrungsräume schaffen und Entscheidungsautonomie stärken.

Digitalisierung ist allgegenwärtig und lässt kaum einen Bereich des Menschseins unberührt. Nicht nur die Arbeitswelt, auch die Persönlichkeitsentwicklung wird von ihr geprägt. So wird es immer selbstverständlicher, zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort finden zu können, was man sucht – von der wissenschaftlichen Schlagwortsuche über den Lieblingssong bis zum One-night-stand.
Aber auch Neugierde, Sehnsucht, Wissbegierde oder Fernweh können starke und produktive Triebkräfte sein. Niemand weiß, ob es uns auf Dauer wirklich klüger, kompetenter, weitsichtiger, sozialer und glücklicher machen wird, wenn wir uns immer mehr Wünsche immer schneller erfüllen können. Wie wird es sich langfristig auf unsere Gehirne, unsere Konzentrations-, Kompromiss-, Empathie- oder Bindungsfähigkeit auswirken, wenn wir von klein auf von permanenter niedrigschwelliger Affirmation und Bedürfnisbefriedigung geprägt werden?
Eine Akademie der analogen Künste könnte es sich langfristig zum Ziel setzen, alternative analoge Erfahrungs- und Erlebnisräume zu schaffen.
Sie kann auf einladende und vielfältige Weise dazu anregen, das Denken und Handeln auf ein unmittelbares „Hier und Jetzt“ zu fokussieren, um auf diese Weise zu mehr Autonomie und Wahlfreiheit im Umgang mit der digitalen Welt zu ermutigen.